Automatisiertes Fahren braucht klare Leitplanken
Selbstfahrende Autos in der Schweiz – das ist kein Zukunftsszenario, sondern bereits Realität. Im Zürcher Furttal verkehren im Rahmen eines Pilotprojekts automatisierte Fahrzeuge, deren Einsatz im öffentlichen Verkehr getestet wird. Derzeit befinden sich noch Sicherheitsfahrer im Fahrzeug, künftig sollen diese jedoch entfallen. Der Technologiepartner des Projekts, das Unternehmen WeRide, betreibt gemäss eigenen Angaben weltweit rund 1'600 automatisierte Fahrzeuge – die meisten davon in China.
Automatisierte Fahrzeuge haben das Potenzial, die Mobilität grundlegend zu verändern. Dank des Wegfalls menschlicher Fehler, hochentwickelter Umfelderfassung und schnellerer Reaktionszeiten sind langfristig grosse Sicherheitsgewinne zu erwarten. Gleichzeitig könnten automatisierte Fahrzeuge die Verkehrsinfrastruktur effizienter nutzen, da sie präziser, koordinierter und gleichmässiger verkehren als menschliche Lenkende. Für den öffentlichen Verkehr eröffnet die Technologie grosse Chancen. Automatisierte Shuttles, die per Handy bestellt werden und möglichst viele Fahrten bündeln, sind ein vielversprechender Ansatz, um periphere Räume besser mit dem öffentlichen Verkehr zu erschliessen.
Diesen Chancen stehen jedoch auch Risiken gegenüber: Automatisierte Fahrzeuge können zu einem massivem Attraktivitätsgewinn der motorisierten Individualmobilität und damit zu unerwünschten Verlagerungseffekten führen. Wer die Fahrzeit produktiv nutzen kann, ist eher bereit, längere Distanzen zurückzulegen oder zusätzliche Fahrten in Kauf zu nehmen. Es gilt also möglichen Fehlentwicklungen, gerade auch in Städten und Agglomerationen, frühzeitig und klug entgegenzuwirken.
Aktueller Rechtsrahmen lässt vieles offen
Angesichts der weitreichenden Auswirkungen des automatisierten Fahrens auf die urbane Mobilität müssen die Städte die weitere Entwicklung aktiv mitgestalten. Die Städte sind grundsätzlich gegenüber neuen Technologien offen eingestellt, Die Städtekonferenz Mobilität SKM hat das Thema aufgenommen und die Anliegen der Städte im Positionspapier «Automatisiertes Fahren und urbane Mobilität» konkretisiert. Im Zentrum steht die Forderung, dass automatisiertes Fahren konsequent in den Dienst der Energie- und Flächeneffizienz, der Verkehrssicherheit, der Attraktivität des öffentlichen Verkehrs sowie der Aufwertung des öffentlichen Raums gestellt werden muss.
Der Bund hat am 1. März 2025 die Verordnung über das automatisierte Fahren (VAF) in Kraft gesetzt. Diese verpflichtet die Kantone, bis März 2028 Gesuche für den Betrieb führerloser Fahrzeuge bewilligen zu können. Vorgesehen ist, dass die Kantone – in Anknüpfung an die Fahrzeugzulassung – jene Strecken genehmigen, auf denen führerlose Fahrzeuge verkehren dürfen. Der Städteverband konnte im Rahmen der Vernehmlassung erfolgreich durchsetzen, dass Städte und Gemeinden von den kantonalen Bewilligungsbehörden in die Gesuchsprüfung einbezogen werden müssen.
Der bestehende Rechtsrahmen betrachtet automatisierte Fahrzeuge jedoch primär aus Sicht der Fahrzeugzulassung und der technischen Sicherheit. Offen bleibt, welche Anforderungen sich aus Sicht der Verkehrs-, Raum- und Stadtentwicklung ergeben und welche Mobilitätsangebote in welchen Räumen verkehrspolitisch sinnvoll sind. Den Kantonen verbleibt dabei ein grosser Ermessensspielraum.
Strategische Leitplanken für nachhaltige Nutzung entwickeln
Weitgehend unbestritten ist, dass automatisiertes Fahren den öffentlichen Verkehr in ländlich geprägten Regionen sinnvoll ergänzen kann. Weniger klar ist, welchen Beitrag automatisierte Fahrzeuge in dichten Städten und Agglomerationen zur Erreichung der verkehrspolitischen Ziele leisten können – und unter welchen regulatorischen Rahmenbedingungen dies geschehen soll.
Angesichts des Disruptionspotenzials automatisierter Fahrzeuge und der bevorstehenden Zulassungen ist eine grundlegende Diskussion dieser Fragen dringend notwendig. Bund, Kantone, Städte sowie öffentliche und private Verkehrsunternehmen müssen ein gemeinsames Verständnis darüber entwickeln, wie automatisiertes Fahren im Agglomerationsverkehr ausgestaltet werden soll. Die Städte sind ihrerseits zusätzlich gefordert, auf ihrem Territorium eine Strategie zu skizzieren. Der Städteverband bringt sich hierzu aktiv in die Arbeiten der Plattform automatisiertes Fahren der Kantone (ALAUF) ein. Zugleich ermöglicht er seinen Mitgliedern einen zielgerichteten Austausch untereinander und eine Zusammenarbeit in den Gremien.
Klar ist: Das chinesische oder amerikanische Modell grosser Flotten individuell genutzter Robotaxis ist für Schweizer Städte kaum ein geeigneter Ansatz. Die Chancen der Automatisierung sollten aber genutzt werden – insbesondere für die Verlagerung auf kollektive, flächen- und energieeffiziente Mobilitätsformen, die zugleich innovativ klima- und sozialverträglich sind.
